Stoffe auf der Folterbank

Die intensive Prüfung von Vor- und Zwischenprodukten gehört heute in den meisten Großbetrieben zu den Selbstverständlichkeiten einer industriellen Produktion. Ohne den entsprechenden Nachweis in Form von DIN-ISO-Zertifizierungen wären Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig.

Bei der Firma Wülfing setzte man die exakten Prüfungen schon sehr lange ein. Die öffentlichen Auftraggeber verlangten solche Qualitätskontrollen zur Herstellung ihrer Behördenstoffe. Nicht nur am Ende der Fertigung fand eine Unterscheidung zwischen gut und schlecht statt, sondern schon im Betrieb konnte auf die Produktion anhand der Prüfergebnisse Einfluß genommen werden.

Zum Glück (für uns) fanden wir in Deutschland bis jetzt noch kein Museum, daß Textilprüfung zeigt. Folglich dürften wir mit unserem Textillabor einzigartig sein. Aus Platzgründen sind nur einige, besonders typische Prüfgeräte hier ausgestellt.

Bevor Textilprüfgeräte erfunden wurden, beurteilten erfahrene Fachleute die Qualität der Tuche nach Aussehen und Griff. Lediglich die Fadendichte wurde durch Messen und Wiegen festgestellt. Noch um 1960 mußten die künftigen „Textilkundler“ auf der Fachschule die Beurteilung der Rohstoffe und Fertiggewebe nur „nach dem Gefühl“ üben. Es ist erstaunlich, wie sich damals Wolle nach Herkunft, Feinheit und Faserlänge einstufen ließ.

Im Textillabor des Wülfingmuseums sind allerlei Prüfmaschinen aufgestellt, mit denen man die Eigenschaften der Fasern, Garne und Gewebe feststellen konnte. Viele Parameter wie: Gleichmäßigkeit, Festigkeit, Knitterstabilität, Farbechtheit und vieles mehr mußten garantiert werden, um Kunden zufrieden zu stellen. Alle diese Prüfapparate und Verfahren sind in nationale (DIN) und internationale Normen (ISO, IEN) genau definiert, so daß die Ergebnisse überall vergleichbar sind. Eine kleine Auswahl der Geräte:

Drehungsprüfgerät

Die Garn- und Zwirndrehung sind wichtig für Festigkeit, Strapazierfähigkeit und Aussehen des Gewebes. Maß ist die Drehung von einem Meter Garn oder Zwirn. In dem Drehungsprüfgerät wird das fertige Garn/Zwirn mit einer genau definierten Länge (in der Regel 500 mm) eingespannt und die Drehung bis zur Parallellage der Fasern/Fäden aufgedreht. Um die materialbedingten Unterschiede der Meßergebnisse auszuschließen, gilt immer der Mittelwert aus mehreren Einzelwerten als Endergebnis.

 Bestimmung der Garnstärke

Um die Dicke eines Garnes zu bestimmen, benötigt man zwei Geräte. Zum ersten die Garnweife, auf der genau gleiche Garnlängen (100 m oder 500 m) von mehreren Spulen abgemessen werden können. Der zweite Parameter ist das Gewicht des Garnstranges. Auf der Garnwaage ist eine Meßskala, auf der man direkt die entsprechende Garnstärke ablesen kann. 

 Scheuerprüfung

In dem Martindale–Scheuerprüfgerät reibt der (Gewebe)Prüfling solange gegen ein Standartgewebe, bis der erste Fadenbruch auftritt. Gute Gewebe sollten mindesten 20000 Scheuertouren aushalten. Die Wülfing–Norm lag bei 30000 Touren

 Knautschtest

Um das Knitterverhalten der Stoffe festzustellen, ist kein komplizierter Apparat nötig. Der röhrenförmig zusammengenähte Prüfling wird in einer Vorrichtung verdreht und eine festgelegte Zeit (meistens 20 Minuten) mit Gewichten belastet, wobei in dem Stoff Knitterfalten entstehen.

 

© Peter Dominick, 2021