Vom Garn zum fertigen Stoff
Die Herstellung von Stoffen ist ein aufwendiges Verfahren. Die Volltuchfabrik Johann Wülfing & Sohn vereinigte alle nötigen Schritte von der Rohwollwäsche bis zum fertigen Tuch unter einem Dach. In einem komplizierten Uhrwerk von Bearbeitung und Transport innerhalb des Werksgeländes entstanden unzählige verschiedene Stoffe. Immer neue Kombinationen unterschiedlichster Ausgangsmaterialien und Garne brachten am Ende neue Gewebe hervor. Die wechselnden Anforderungen der Mode wurden immer wichtiger.

Fäden kreuz und quer. Die Fa. Johann Wülfing & Sohn stellte als modische Tuchfabrik jedes Jahr zwei Kollektionen (Gesamtheit der angebotenen Muster für eine Saison) mit je 1000 Mustern vor. Auf alten Webstühlen versuchte hier der Musterweber die Zukunftsvisionen des Dessinateurs umzusetzen. Die Stoffmuster aus der Musterweberei bestimmten bei den Kundenpräsentationen das künftige Schicksal der Firma. Um die Produktion nicht zu stören, sind die Muster in einer extra dafür ausgerüsteten Abteilung gewebt worden. Erst in der Mitte der 1980er Jahre wurde auf den modernen Sulzer–Webstühlen in der Produktion gemustert.

Die im Wülfingmuseum aufgestellten Jaquardwebstühle standen in dieser Musterweberei und bilden heute den Kern der Textilabteilung des Museums. Die beiden Webmaschinen stammen aus den zwanziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts und auf ihnen konnten früher „mal eben“ gemusterte Tuche hergestellt werden.

Zwar beträgt die maximale Stoffbreite auf den Stühlen nur 120 cm, aber für die Musterfertigung war diese Breite vollkommen ausreichend. Auf den „richtigen“ Produktionsmaschinen können allerdings bis zu 240 cm breite Stoffe gewebt werden.

Kette und Schuß. Ein Tuch besteht aus den längs führenden Kettfäden und den quer dazu angeordneten Schußfäden. Wenn man eine Gruppe von Kettfäden anhebt und der andere Teil der Kettfäden unten bleibt, entsteht ein Zwischenraum – das Webfach –, durch den der Schußfaden geführt wird (eingetragen). Je nach Webstuhltype können mehrere Gruppen von Kettfäden über sogenannte Schäfte angehoben oder abgesenkt werden. Durch diese unterschiedliche Ausführung des Faches entstehen unterschiedliche Muster. Der Schußfaden ist in dem Webschützen oder Weberschiffchen auf eine Spule gewickelt. Bei einem mechanischen Webstuhl  läuft der Vorgang folgendermaßen ab:

  • Fach öffnen (Ein, zwei oder drei Schäfte anheben)
  • Die Schußvorrichtung schießt den Schützen durch das Fach  und der Schußfaden wickelt sich dabei ab
  • Die Lade drückt den neuen Schußfaden an das schon fertige Gewebe
  • Das nächste Fach öffnen. (Diesmal aber andere Kettfadengruppen)
  • Schützen durch, Lade wird angeschlagen und immer so weiter

Ablauf der Tuchfabrikation

Jaquardwebstuhl. Das Heben und Senken der Kettfäden geschieht beim Jaquardwebstuhl nicht in Gruppen durch Schäfte, sondern über einzelne „Harnisch–Schnüre“, die in sogenannten „Choren“ zusammengefaßt werden. Die Schnüre werden von einem mit Lochkarten gesteuerten Jaquard–Apparat behoben oder gesenkt. Dadurch und durch unterschiedliche Farbgebung der Fäden entsteht ein individuelles Muster.

Auf der Kartenschlagmaschine stellte der Musterweber die Lochkarten selbst her. Für die Handtücher mit der Aufschrift „Wülfing–Tuchmuseum“ muß unser Weber über 1000 Karten schlagen und zusammenbinden.

Außer den beiden Jaquard–Webstühlen ist noch ein Schaftwebstuhl aus den 1920er Jahren zu bewundern, der früher in der Produktion stand.

Dieser Schaftwebstuhl bringt es auf 80 Schuß pro Minute, im Gegensatz zum Handwebstuhl, der es mit Schnellschützen nur 50 Schuß schaffte.

Vor 200 Jahren konnte ein geübter Weber auf einem Handwebstuhl eine Geschwindigkeit bis zu 20 Schuß pro Minute erreichen. Je nach Fadendichte verließen an einem zwölfstündigen Arbeitstag bis zu 10 m Tuch den Handwebstuhl.

600 – 1200 Schuß pro Minute erreichen die modernsten Webautomaten und die Maschinensäle sind heute menschenleer.

© Peter Dominick, 2021